Nov 062017
 

Im Januar 2006 erhielt ich die Zusage für mein Praktikum in New York – gemeinsam mit der Zusage kam ein Reiseführer. Beim Durchlesen sah ich, dass immer am ersten Sonntag im November der New York Marathon stattfindet. Obwohl ich damals noch gar nicht joggen ging, wollte ich unbedingt teilnehmen. Leider ist das jedoch gar nicht so einfach, da aufgrund der Vielzahl von potenziellen Teilnehmern eine Lotterie entscheidet, ob man starten darf.

Fast Forward 2017: Endlich habe ich einen Startplatz für den New York Marathon bekommen – welches bessere Rennen könnte es für ein Comeback nach meinem letzten Marathon vom Oktober 2007 geben? Als Trainingsplan habe ich mir einen Plan von Herbert Steffny für eine Zielzeit von 3:10h herausgesucht und im Training auch viele Berge eingebaut – ich wusste ja, wieviele Höhenmeter mich in NYC aufgrund der Brücken und des welligen Central Parks erwarten würden. Nach meiner etwas langsamer als erhoffen Wettkampfzeit von 1:31:17h beim komplett flachen Halbmarathon in Offenbach wusste ich, dass es für eine 3:10h nicht reichen wird und adjustierte mein Ziel auf 3:14h.

Am Wettkampf-Morgen galt es erst einmal, zum Startpunkt des Marathons an der Verrazano Narrows Bridge in Staten Island zu gelagen. Um 5:40h machte ich mich aus unserem Hotel auf dem Weg zur NYC Public Library, um 6:15h saß ich nach einigen Umwegen im Bus. Nach ganz massivem Stau kam ich um 07:45h am Startgelände an und musste von Humvee’s bewacht durch die Sicherheitskontrolle – es erinnerte eher an einen Kriegsschauplatz als an einen Sportevent. Um 09.00h musste ich dann spätestens in der Startaufstellung sein und schon um 09.50h ging es dann endlich los. Will nur sagen: Der Zeitbedarf für Logistik rund um das Event ist wirklich enorm und die ersten 7.000 Schritte hatte ich schon auf der Uhr, bevor der Marathon überhaupt begonnen hatte

 

Beim Start war das aber alles vergessen. Mit 51.000 Teilnehmern aus 125 Ländern gemeinsam an der Startlinie zu stehen, ist einfach etwas ganz besonderes und ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist. Mit der Verrazano Narrows Brücke kommt der erste Knaller gleich zu Beginn, sowohl was die ca. 50 Höhenmeter angeht als auch das spektakuläre Gefühl, was man bei der Überquerung hat. Sogar ein Feuerwehr-Schiff grüßte und mit großen Fontänen.

Für die ersten neun Meilen hatte ich mir vorgenommen, etwas langsamer als die angepeilte Durchschnittsgeschwindigkeit anzugehen. Die ersten drei Meilen mit 57 Höhenmetern hatte ich nach 22:31 min absolviert und lag damit genau auf Plan. Ab dann ging es nach Brooklyn und die Stimmung am Straßenrand war schon bestens. Die Meilen 4-6 hatte ich nach 22:20 min hinter mir, waren aber auch nur 15 Höhenmeter drin. Ich merkte aber schon, dass die Temperaturen für mich etwas zu hoch waren und kühlte mich an jeder Verpflegungsstation mit einem Becher Wasser über den Kopf. Für die Meilen 7-9 brauchte ich 22:35min bei 33 Höhenmetern – bis hier lief alles perfekt nach Plan. Die Meilen 10 – 16 wollte ich dann etwas schneller als im Gesamtdurchschnitt laufen, was auch ganz gut klappte.
 
Die Meilen 10 bis 12 mit 17 Höhenmetern legte ich in 21:57min zurück, die Meilen 13 – 15 mit 42 Höhenmetern in 22:25min. Ab Meile 16 lief ich dann die First Avenue von Manhattan zur Bronx und sag das erste Mal Katja am Streckenrand – das tat schon ziemlich gut. Noch 10 Meilen! Für den Abschnitt von Meile 16 – 18 brauchte ich trotz 33 Höhenmetern 22:11 min und lag damit immer noch gut im Plan. Dann begann es langsam, zäh zu werden. Ich musste in der Bronx wieder über zwei Brücken und um einige enge Kurven, das zehrte dann doch an den kleiner werdenden Kräften. Auch ein Energy-Gel zeigte zwar Wirkung, aber nicht so stark wie erhofft.
 
Für die Meilen 19 – 21 brauchte ich dann 22:44 min bei 25 Höhenmetern. Dann ging es zurück nach Manhattan, die 5th Avenue runter in Richtung Central Park. Auf der 24 Meile kam dann ein Anstieg auf einem guten Kilometer, bei dem ich merkte, dass meine Oberschenkel nicht mehr so wollten, wie ich mir das vorstellte – ich war kurz davor, Krämpfe zu bekommen und musste Tempo rausnehmen. Für die Meilen 22 – 24 benötigte ich bei 31 Höhenmetern 24:14 min – damit war das Ziel 3:14h leider endgültig nicht mehr zu erreichen und jetzt wurde es mental sehr schwierig.
 
Für eine neue Bestzeit würde es in jedem Fall reichen – aber wie konnte ich mich noch motivieren, jetzt nicht einfach locker auszulaufen? Zum Glück waren genügend Zuschauer da, die mächtig angefeuert haben – und weh getan hat es allen anderen auch. Neues Ziel: Zumindest mal unter 3:20h bleiben. Für Meile 25 brauchte ich 8:09, für Meile 26 8:17min.
 
Dann ging es nur noch die letzten Meter den letzten Hügel zur Ziellinie im Central Park hoch – nach 3:19:04h war ich im Ziel – der Traum vom New York Marathon Finish war in Erfüllung gegangen, die bisherige Bestzeit um knapp 9 Minuten unterboten. Insgesamt hat es für Platz 2.904 von 50.643 Finishern gereicht.
 
Einen Tag später fällt es noch etwas schwer, ein Fazit zu ziehen. Der Wettkampf war etwas ganz besonderes und insgesamt bin ich mit meiner Leistung auch ziemlich zufrieden. Auf der anderen Seite bin ich doch etwas wehmütig, dass es nicht zur ursprünglich angepeilten 3:10h oder zumindest zur 3:14h gereicht hat. Natürlich ist die Strecke nicht ganz einfach, die Bedingungen waren nicht ganz optimal, ich hatte etwas Probleme mit der Zeitumstellung, habe sehr viel Flüssigkeit verloren und wenn ich noch länger überlege, fallen mir bestimmt noch weitere Ausreden ein. Am Ende des Tages hat mir dann ehrlicherweise trotz des ansich ausreichenden Trainingsvolumens und der hohen Trainingsintensität doch etwas „Fundament“ gefehlt. Darum habe ich mir fest vorgenommen, dieses Jahr besser über den Winter zu kommen, weniger an Basis zu verlieren und dann im nächsten Frühjahr die 3-Stunden-Marke anzugreifen.
 
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